Tag-Archiv für » Postjazz «

21 | 08 | 2011

Provisorischer Jazz

Geschrieben von um 12:20 Uhr

Jedes Album ist eine lange Reise und Moritz von Oswald ist ein Klangnomade. Einige Stationen seiner Lebensreise sind Basic Channel, Chain Reaction,  Maurizio, Mussorgski, Palais Schaumburg, Ravel, Rythm & Sound. Im Moment durchwandert er einen Klangraum, der auch dem Jazz angehört: den Triosound. Im Jazz ist das Trio (und das Quartet) ein dynamisch agierendes Ensemble. Es zeigt seine Größe und Potenz beim intimen Spiel in Clubs, kleinen Konzertsälen oder auf Partys. Es ist allerdings auch sehr stark zur Pose geronnen. Nur wirklich gute Musiker schaffen mit einem solchen Ensemble einen neuen, eigenständigen Sound jenseits des traditionell modernen Jazz – zum Beispiel das Esbjörn Svensson Trio oder das Tingvall Trio. Andere Trios wie [em] oder LTC schaffen eine brilliante Aktualisierung der klassischen Spielweisen.

Doch das Trio ist nicht nur im Jazz bekannt. Auch in der europäischen Konzertmusik ist es ein gern eingesetzter Klangkörper, als Klaviertrio oder reines Streichertrio. Jeder der bekannten Komponisten hat für das kleine Ensemble geschrieben, die Trioliteratur ist unüberschaubar groß. Für einen Musiker auf der Suche nach neuen und interessanten Klängen, für einen Reisenden in Sachen Sound ist das Trio ein verführerischer Weg. Moritz von Oswald ist in genau diesen beiden Musikgattungen zuhause und in ein paar anderen auch noch. Er weiß, wie er einen konzentrierten Zuhörer auf eine lange Passage durch musikalische Räume führt. Dieses Trio will nicht wie etwas Bestimmtes klingen, weder wie Jazz noch wie Konzertmusik. Sie versuchen etwas Neues und Eigenständiges, das trotzdem in jeder Sekunde an seine Herkunft aus vielen Welten erinnert. Und das ist eigentlich eine gute Definition von Jazz.

Moritz von Oswald Trio – Structure 2 by honest jons

Moritz von Oswald Trio – Vertical Ascent
Moritz von Oswald Trio – Horizontal Structures

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07 | 08 | 2011

Knörpsen Doll

Geschrieben von um 22:19 Uhr

Das entspannteste Elektronika-Album seit langem. Das Dutzend Tracks liefert die Eckpunkte für einen leicht schwingenden Klangteppich, der auf fluffigen Backingsounds ausgelegt wurde – oder so. Es ist ja nicht immer einfach, ein Musikerlebnis in Worte zu fassen. Die Track-Titel wie “Prognosen Bomm”, “Wupp Dek” oder “Tulpa Ovi” sind auch keine große Hilfe. Sie evozieren nichts; außer vielleicht einem leicht rätselnden Grinsen, weil sie unsere Alltags- und die Privatsprache des Künstlers miteinander verquirlen. Robag Wruhme, der eigentlich ganz anders heißt, ist die eine Hälfte des inzwischen aufgelösten Technoteams Wighnomy Brothers und Gründer des von mir sehr geschätzten Labels Freude am Tanzen. Das spricht für Qualität und tatsächlich, in der Diktion des Herrn Wruhme gesprochen: Das swingt ganz lässig und knörpst ziemlich dolle.

Robag Wruhme – Thora Vukk

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05 | 08 | 2011

Australopithecus Aethiopicus

Geschrieben von um 13:54 Uhr

Noch mehr Afrofunk aus Australien, nur echt mit angerauten Bläsersätzen und perkussiven Gitarrenriffs. Die Shaolin Afronauts mögen offensichtlich die semiotische Verrätselung mit modernen Mythologemen – allein Bandname und LP-Titel nennen vier Stück. Aber im Prinzip geht es nur darum, ein wenig geheimnisvoll zu sein, mit Kapuzen aufzutreten und die Namen der Musiker nicht zu nennen.  Trotz solcher Spielereien: Die Afronauten spielen enorm funky und grooven, was das Zeug hält. Die Klangfarbe der ganzen Produktion erinnert an Ethiojazz aus den späten 1960ern, mit einer Prise von Mingus’ Auffassung des Ensemblespiels und einem an modernen Clubsounds orientierten  Schlagwerk. Über der Polyrythmik schwebt ein ungemein individueller, intelligent improvisierter und agil gespielter Jazzfunkjazz. Die Afronauten überlassen es jedem selbst, zu ihrer Musik zu tanzen oder einfach nur hinzuhören.

Journey Through Time by Freestyle Records

Shaolin Afronauts – Flight Of The Ancients

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30 | 07 | 2011

Aussiefunk mit Afrobeat

Geschrieben von um 14:41 Uhr

Afrofunk in Australien? Das 10köpfige Ensemble “The Liberators” kommt aus Down Under Sydney, der neuen Adresse für die Liason von knackigem Afrobeat und messerscharfen Funksounds. Auf Soundcloud findet sich gleich das ganze Album in voller Länge und höchster Klangqualität. Deshalb hat es dann auch einige Zeit gedauert, bis ich mich für ein Stück als Hörprobe entscheiden konnte. Nehme ich jetzt das chillig aus der Hüfte loungende “Let it go”, das Crimejazz-Anthem “Bulletproof”, den energiegeladenen Dancefloor-Stomper “Multiculture” oder etwas ganz anderes – zum Beispiel die Afrobeat-Hommage “Denga”? Schließlich habe ich mich für “Bulletproof” entschieden, eine Funkjazz-Variation mit einem wirklich schönen Tenorsolo. Die Schwierigkeit, ein besonders gutes Stück auszuwählen, spricht eindeutig für das Album, denn es ist von gleichbleibender Kraft – kein schwaches Stück zwischendurch, keine Komprimisse.

THE LIBERATORS – Bulletproof by The Liberators – Afrofunk

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05 | 02 | 2010

Antonius in der Wüste, tanzend

Geschrieben von um 21:34 Uhr

Ruhige Grooves, zurückhaltende Echoes, kontemplative Reeds — “The Embassadors“, die international besetzte Jazzband des  Saxophonisten und Klarinettisten Hayden Chisholm, hat mit “Coptic Dub” eine der besten Platten 2009 aufgenommen. Neben der üblichen Besetzung des Sextetts mit Nils Wogram an der Posaune hat hier Burnt Friedman als Produzent kräftig mitgespielt. Der Kölner Musikgrenzgänger gehört mit seinem Label Nonplace und seinen diversen Projekten und Kollaborationen — unter anderem mit Jaki Liebezeit (Can) — eher zu den Elastikern als den Elektronikern.

Gemeinsam mit Friedman betritt Chisholm bereits seit einiger Zeit neue Wege. Der eher traditionell klingende Jazz früherer Alben verschwindet mehr und mehr im Hintergrund. Das bereits ziemlich nach “Noo Jazz” klingende Album “Heaps Dub” des Quartetts “Root 70” war ein erster Schritt. Das Sextett geht weiter und schafft einen arabesken Klang, dessen nur mäßig bewegte Grooves an molltönende Barsounds erinnern, gespielt zum Sonnenaufgang in einer flachen Steinwüste. Der koptische Dub ist kaum noch in einem Raster der Stile und Genres bestimmbar. Aber er findet sich auf einer der besten Platten des letzten Jahrzehnts.

The Embassadors -  Coptic Dub

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22 | 01 | 2010

Synthese mit Sequencer

Geschrieben von um 21:24 Uhr

Wolfgang Haffner - Round SilenceDie kreative Verbindung aus Improvisationsmusik und Sequencersounds heißt Nu Jazz und gerinnt viel zu oft zu einer im musealen Klischee erstarrten Retromucke. In diese Falle gerät der Schlagzeuger Wolfgang Haffner nicht. Er gehört zu den international gefragten Jazzern und konnte mit Roy Ayers, Klaus Doldinger, Jan Garbarek, Albert Mangelsdorff, Pat Metheny, Lalo Schifrin, McCoy Tyner und Fred Wesley spielen. Außerdem erarbeitete er sich ein eigenständiges Profil als Komponist und Produzent von klischeefreiem Nu Jazz, der zahlreiche Einflüsse aus den elektronischen Genres integriert. Vor vier Jahren startete er mit “Shapes” einen Ausflug in die Welt der elektronischen Barsounds, deutlich inspiriert von Deep House und Drum&Bass. 2008 erschien “Acoustic Shapes“, eine Übersetzung der Lounge-Klänge für ein klassisches Jazztrio mit Lars Danielsson am Bass und Hubert Nuss am Piano. Das neue Album “Round Silence” experimentiert ebenfalls mit Musik aus verschiedenen Quellen und ist eine geglückte Synthese aus den beiden letzten Platten — also Jazz ohne Beiwort.

Wolfgang Haffner – Round Silence

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07 | 01 | 2010

Hals über Jazz

Geschrieben von um 23:02 Uhr

Portico Quartet - Knee-Deep in the NorthseaBritjazz als Altersstil für den Noisemusic-gestählten Vielhörer? Wer sich wie der Jazzpartisan gerne mal knackig-knarzige Kapellen wie Acoustic Ladyland, Polar Bear oder Get The Blessing anhört, könnte auf die Idee kommen. Diese Jazzer lassen es gewaltig krachen — noch so ein K-Wort. Das Portico Quartet ist dagegen weniger auf krassen Schmerzjazz aus. Es groovt, die Perkussion klingt milde exotisch nach Steeldrums (laut der englischen Wikipedia eine Hang aus der Schweiz, was auch immer das jetzt wieder ist) und das Saxophon mäandert in den oberen Lagen irgendwo zwischem spätem Garbarek und frühem Coltrane. Also World Music? Nein, die vier Londoner klingen so, als hätten sie den Groove und den Pulse gerade erst erfunden und wollten möglichst viele Leute auf die Tanzfläche treiben. Knietief im Sound, bis zum Hals im Jazz.

Portico Quartet – Knee-Deep in the North Sea

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06 | 11 | 2009

Shaolin Jazz

Geschrieben von um 23:28 Uhr

El Michels Affair - Enter the 37th ChamberIm Moment ist die akustische, soul/jazz-orientierte und kongeniale Neuinterpretation von Clubklassikern verschiedenster Genres ziemlich angesagt. Und nun sind auch die Superhits des Wu-Tang Clans als Organic Grooves zu hören, 16 Jahre nach dem Debütalbum “Enter the Wu-Tang (36 Chambers)”. Das Werk ist sogar Wuproofed, denn die Band “El Michels Affair” mit Musikern aus dem Umfeld von Daptone Records, Budos Band und Menahan Street Band ist eine Zeitlang mit Raekwon und anderen Clan-Mitgliedern getourt. Das Projekt des Saxophonisten und Organisten Leon Michels schafft es tatsächlich, den Hip Hop-Klassikern neues, vorwiegend instrumentales Leben einzuhauchen.

El Michels Affair – Enter The 37th Chamber

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19 | 10 | 2009

Wen die Götter beneiden

Geschrieben von um 22:02 Uhr

e.s.t. esbjörn sevnsson trio - retrospective

e.s.t.  — das Esbjörn Svenson Trio — hat genau den Jazz gespielt, den ich heiß und innig liebe: Seelenvoll, groovy, trickreich und offen für Ausflüge abseits der ausgetretenen Pfade; aber niemals betoniert und borniert. Auf dem neuen und allerletzten e.s.t.-Album gibt es einen schönen Rückblick auf die wenigen Jahre mit dieser Band. Es ist eine musikalische Reise durch Drum&Bass-inspirierten Ambientjazz, Triostücke mit einem perlenden Leadpiano für die Kopfnickerfraktion und schließlich das Titelstück des letzten Albums “Leucocyte” — ein großer Wurf, noisy und dreckig, in zwei Tagen freier Studiozeit von Esbjörn Svensson (Piano), Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Drums) hinreißend aus dem Ärmel improvisiert.

e.s.t. – retrospective

Esbjörn Svensson — 16. April 1964 – 14. Juni 2008

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10 | 07 | 2009

Nordic Jazz Thing

Geschrieben von um 21:25 Uhr

Geir Lysne Listening Ensemble - The Grieg CodeKlassik goes Jazz? Da gehe ich normalerweise lieber aus dem Weg. In diesem Fall ist es jedoch anders, denn bei dem sehr umtriebigen Label ACT ist eine kongeniale Produktion erschienen, die alle Klischees vermeidet. Keine zwitschernde Morgenstimmung also. Im Gegenteil, es ist echter Nordic Jazz mit unterkühlten, horizontlosen Klanglandschaften und einem satten Groove.  Der norwegische Saxophonist, Komponist und Bigband Leader Geir Lysne bearbeitete für eine Auftragsarbeit die Musik des norwegischen Romantikers Edvard Grieg. Er legte die Kompositionen unter das Jazzmikroskop und präparierte vorsichtig einige Elemente heraus. Durch Verfremdung, Transponierung, Time-Stretching, kantige Phrasierung und vor allem das voluminöse, in allen Klangfarben schillernde Spiel seines 13köpfigen “Listening Ensembles” entstand ein Bigband-Werk mit einem völlig eigenen Charakter. Zusammen mit dem “Andromeda Mega Express Orchestra” und  “Darcy James Argue’s Secret Society” die Brassound-Entdeckung des Jahres für mich.

Geir Lysne Listening Ensemble — The Grieg Code

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