Tag-Archiv für » Drum&Bass «

19 | 10 | 2009

Wen die Götter beneiden

Geschrieben von um 22:02 Uhr

e.s.t. esbjörn sevnsson trio - retrospective

e.s.t.  — das Esbjörn Svenson Trio — hat genau den Jazz gespielt, den ich heiß und innig liebe: Seelenvoll, groovy, trickreich und offen für Ausflüge abseits der ausgetretenen Pfade; aber niemals betoniert und borniert. Auf dem neuen und allerletzten e.s.t.-Album gibt es einen schönen Rückblick auf die wenigen Jahre mit dieser Band. Es ist eine musikalische Reise durch Drum&Bass-inspirierten Ambientjazz, Triostücke mit einem perlenden Leadpiano für die Kopfnickerfraktion und schließlich das Titelstück des letzten Albums “Leucocyte” — ein großer Wurf, noisy und dreckig, in zwei Tagen freier Studiozeit von Esbjörn Svensson (Piano), Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Drums) hinreißend aus dem Ärmel improvisiert.

e.s.t. – retrospective

Esbjörn Svensson — 16. April 1964 – 14. Juni 2008

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21 | 08 | 2009

Inselversionen

Geschrieben von um 21:15 Uhr

Fat Freddy's Drop - Dr. Boondigga & the Big BW

Jetzt hat es auch mich erwischt: Ich liebe den neuseeländischen Dubreggaejazz von Fat Freddy’s Drop“, nur echt mit fettem Bass, Wiegebeatz und dem ebenso hinreichenden wie notwendigen musikalischen Ekklektizismus, den sie auf ihrem neuen Album abliefern. Auf Myspace gibt es die ersten drei Stücke der LP in der richtigen Reihenfolge zu hören. Also: Kopfhörer auf, Volumeregler hochziehen und dann die Ohrmuscheln fest andrücken. Und als Gilbert-Shelton-Fan der ersten Stunde (zumindest in meinem Heimatdorf) mag ich auch das vollkommen aus der Zeit gefallene Wimmelbild-Cover, dessen Bedeutung sich kompetenteren Freak Brothers-Lesern als mir sicher sofort erschließen wird. Hab ich noch was vergessen? Genau: Kaufbefehl!

Fat Freddy’s Drop – Dr. Boondigga & the Big BW

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29 | 06 | 2009

Geheimgesellschaft

Geschrieben von um 21:49 Uhr

Darcy James Argue's Secret Society - Infernal MachinesWenn eine Postjazz-Bigband auf ihrem Myspace-Profil in der Rubrik “Einflüsse” neben Charlie Mingus, Wayne Shorter und Kenny Wheeler auch Tortoise, David Lynch und David Foster Wallace angibt, kann es sich nur um einen Pflichtkauf handeln. Und wirklich: Die 18 Musiker um den Komponisten Darcy James Argue zeigen auf dem Debut-Album der “Secret Society“, dass sie bei der derzeitigen Runderneuerung des Jazz ganz vorne dabei sind. Der Titel des Albums ist eine Anspielung auf John Philip Sousa (1854 – 1932), ein amerikanischer Marschmusikkomponist. Die Höllenmaschinen glänzen hier durch Abwesenheit, die Musik entsteht nach alter Bigband-Sitte unter Konzertbedingungen.

Doch die Secret Society böte keinen Postjazz, wenn hier nicht das ferne Wetterleuchten populärer Musikstile des späteren 20. Jahrhunderts zu spüren wäre. “Phoebus” (Anspieltipp 1) zum Beispiel ist Jazz, der seine Verwandschaft mit den komplizierten Snaredrumpattern und irisierenden Klangflächen des Drum&Bass nicht verleugnet. Bei “Redeye”  stehen zu gleichen Teilen (früher) Pat Metheny und Tortoise Pate. Und “Transit” (Anspieltipp 2) bietet die ganz große musikalische Geste mit Pathos und perfektem Ensemblespiel. Und wer genau hinhört, erkennt im Hintergrund einiger Stücke die charismatischen Arpeggios von Philip Glass.

Darcy James Argue’s Secret Society — Infernal Machines

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09 | 09 | 2008

Verteidigung des Lebens

Geschrieben von um 19:32 Uhr

In Gedenken an Esbjörn Svensson (* 16. April 1964, † 14. Juni 2008)

So geht das: Drei fantastische Musiker (Das Esbjörn Svensson Trio mit Esbjörn Svensson am Klavier, Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug) betreten Anfang 2007, mitten im australischen Sommer, ein Studio in Sydney und spielen zwei Tage lang die Festplatte voll. Anschließend nehmen sie das Ergebnis und kneten es noch ein wenig, verfremden es mit Geräuschen aus Transistorradios und elektronischen Schaltkreisen. So geht das: Eines der besten Alben des Jahres 2008 einspielen. Manchmal mehr Drum’n'Bass, immer ein bißchen melancholisch, oft auf eine angenehme Weise frickelig und ganz auf der Höhe der Zeit. Diese Musik wird uns in Zukunft fehlen.

Esbjörn Svensson Trio (E.S.T.) – Leucocyte

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25 | 05 | 2008

Jenseits des Tanzbodens

Geschrieben von um 0:39 Uhr

Jazz bedeutet für mich in erster Linie Offenheit — für neue Entwicklungen, für einen Blick über den Gartenzaun, für Improvisation und Experiment, für neue Klänge und ungewöhnliche Musik. Interessant finde ich vor allem Musiker, die sich nicht um Purismus scheren und für Überraschungen gut sind. Ashley Wales und John Coxon gehören auf jeden Fall dazu. Die beiden treten seit Anfang der 1990er Jahre als Spring Heel Jack auf, unterstützt von wechselnden Begleitmusikern. Kennengelernt habe ich sie 1996 als innovative Drum&Bass-Producer. Einer meiner Lieblingstracks aus diesem Genre ist ihr Uptempo-Kunstwerk “Islands Version“. Aber die D&B-Euphorie ist schon lange vorbei und auch Spring Heel Jack haben sich musikalisch weiterentwickelt. Das neue Album heißt “Songs & Themes” und es ist penibel am allgemeinen Loungejazz-Wahn vorbei produzierter kammermusikalischer Jazz — ein bißchen melancholisch, zwischendurch auch krachig und ausgesprochen free-minded; am besten über Kopfhörer zu genießen.

Spring Heel Jack – Songs & Themes

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