Jazz, Postjazz & mehr

12 | 05 | 2010

Musik für lange Abschiede

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Es kann — wie bei Raz Ohara — der Abschied von einer Beziehung sein oder auch nur der Abschied für eine Nacht. Es ist faszinierend, das es guter Musik immer wieder gelingt, Gefühle perfekt abzubilden. Ein gutes Beispiel ist “Raz Ohara & The Odd Orchestra”. Raz Ohara, das ist der in Berlin lebenden dänische Sänger Patrick Rasmussen und The Odd Orchestra, das ist der Berliner Elektronikaproduzent und -DJ Oliver Doerell. Gemeinsam haben die beiden 2008  eines der schönsten und gefühlvollsten Alben des letzten Jahrzehnts produziert. Es befindet sich ziemlich genau in der Schnittmenge von Elektronika, Pop und Singer/Songwriter-Sachen. Allerdings fehlt dieser Beschreibung etwas, ohne das sie zutreffend, aber nichtssagend wäre: meine völlige Verblüffung beim ersten Durchhören der Platte. Ich hatte sofort das Gefühl, diese Musik bereits mein ganzes Leben zu kennen. Sie verströmt trotz einer leicht melancholischen Grundstimmung eine angenehme Wärme und Empfindsamkeit, ohne in Weinerlichkeit und Kitsch zu versinken.

Raz Ohara & The Odd Orchestra

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23 | 02 | 2010

Zuhause in der Feindschaft

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Dark but fresh — so muss ich es wohl ausdrücken. Ein beeindruckendes Album mit Musik aus dem Sounduniversum des Dubstep und sehr persönlichen Texten über die privaten Dämonen von Gil Scott-Heron. Er gehört eigentlich zu meinen Helden von früher; Erfinder des später Rap genannten Sprechgesangs, wichtigster Vertreter des politischen Soul und Funk der 1970er Jahre, Erfinder der popkulturell legendären Hookline “The revolution will not be televised“. Offen gestanden: Ich hatte vermutet, er sei bereits tot. Und dann die Wiederauferstehung mit einem dunklen, aber unglaublich lebendigen Album. Zu verdanken haben wir dies Richard Russell von XL Recordings (u. a.  Radiohead, Vampire Weekend, M.I.A., Dizee Rascal), der Scott-Heron überredete, nach Absitzen einer Strafe wegen Drogenbesitzes ein Album aufzunehmen. Nun ist er also wieder zurück und zeigt erneut: Home is where the hatred is.

Video:  “Me And The Devil” & ”Your Soul And Mine”

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05 | 02 | 2010

Antonius in der Wüste, tanzend

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Ruhige Grooves, zurückhaltende Echoes, kontemplative Reeds — “The Embassadors“, die international besetzte Jazzband des  Saxophonisten und Klarinettisten Hayden Chisholm, hat mit “Coptic Dub” eine der besten Platten 2009 aufgenommen. Neben der üblichen Besetzung des Sextetts mit Nils Wogram an der Posaune hat hier Burnt Friedman als Produzent kräftig mitgespielt. Der Kölner Musikgrenzgänger gehört mit seinem Label Nonplace und seinen diversen Projekten und Kollaborationen — unter anderem mit Jaki Liebezeit (Can) — eher zu den Elastikern als den Elektronikern.

Gemeinsam mit Friedman betritt Chisholm bereits seit einiger Zeit neue Wege. Der eher traditionell klingende Jazz früherer Alben verschwindet mehr und mehr im Hintergrund. Das bereits ziemlich nach “Noo Jazz” klingende Album “Heaps Dub” des Quartetts “Root 70” war ein erster Schritt. Das Sextett geht weiter und schafft einen arabesken Klang, dessen nur mäßig bewegte Grooves an molltönende Barsounds erinnern, gespielt zum Sonnenaufgang in einer flachen Steinwüste. Der koptische Dub ist kaum noch in einem Raster der Stile und Genres bestimmbar. Aber er findet sich auf einer der besten Platten des letzten Jahrzehnts.

The Embassadors -  Coptic Dub

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22 | 01 | 2010

Synthese mit Sequencer

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Wolfgang Haffner - Round SilenceDie kreative Verbindung aus Improvisationsmusik und Sequencersounds heißt Nu Jazz und gerinnt viel zu oft zu einer im musealen Klischee erstarrten Retromucke. In diese Falle gerät der Schlagzeuger Wolfgang Haffner nicht. Er gehört zu den international gefragten Jazzern und konnte mit Roy Ayers, Klaus Doldinger, Jan Garbarek, Albert Mangelsdorff, Pat Metheny, Lalo Schifrin, McCoy Tyner und Fred Wesley spielen. Außerdem erarbeitete er sich ein eigenständiges Profil als Komponist und Produzent von klischeefreiem Nu Jazz, der zahlreiche Einflüsse aus den elektronischen Genres integriert. Vor vier Jahren startete er mit “Shapes” einen Ausflug in die Welt der elektronischen Barsounds, deutlich inspiriert von Deep House und Drum&Bass. 2008 erschien “Acoustic Shapes“, eine Übersetzung der Lounge-Klänge für ein klassisches Jazztrio mit Lars Danielsson am Bass und Hubert Nuss am Piano. Das neue Album “Round Silence” experimentiert ebenfalls mit Musik aus verschiedenen Quellen und ist eine geglückte Synthese aus den beiden letzten Platten — also Jazz ohne Beiwort.

Wolfgang Haffner – Round Silence

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21 | 01 | 2010

Helden von früher: Wayne Horvitz

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Es ist Pfingsten 1987. Die Tage sind heiß und sonnig. Doch jetzt, am Montag, gegen zehn Uhr, ist es noch recht angenehm im Freizeitpark Moers, dem Schauplatz des New Jazz Festivals. Wie jeden Morgen besuche ich die Projekte in der Musikschule. Ich muss nicht sehr weit gehen, mein Schlafplatz ist auf einer Turnmatte in der Sporthalle des Gymnasiums neben dem Festivalgelände. Mein Ziel ist das “New York Composers Project”, auf dem einige meiner Lieblingsmusiker spielen — die Pianisten Robin Holcomb und Wayne Horvitz, der Posaunist Jim Staely, der Bassist David Hofstra und der Drummer Robert Previte. weiterlesen

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07 | 01 | 2010

Hals über Jazz

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Portico Quartet - Knee-Deep in the NorthseaBritjazz als Altersstil für den Noisemusic-gestählten Vielhörer? Wer sich wie der Jazzpartisan gerne mal knackig-knarzige Kapellen wie Acoustic Ladyland, Polar Bear oder Get The Blessing anhört, könnte auf die Idee kommen. Diese Jazzer lassen es gewaltig krachen — noch so ein K-Wort. Das Portico Quartet ist dagegen weniger auf krassen Schmerzjazz aus. Es groovt, die Perkussion klingt milde exotisch nach Steeldrums (laut der englischen Wikipedia eine Hang aus der Schweiz, was auch immer das jetzt wieder ist) und das Saxophon mäandert in den oberen Lagen irgendwo zwischem spätem Garbarek und frühem Coltrane. Also World Music? Nein, die vier Londoner klingen so, als hätten sie den Groove und den Pulse gerade erst erfunden und wollten möglichst viele Leute auf die Tanzfläche treiben. Knietief im Sound, bis zum Hals im Jazz.

Portico Quartet – Knee-Deep in the North Sea

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06 | 11 | 2009

Shaolin Jazz

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El Michels Affair - Enter the 37th ChamberIm Moment ist die akustische, soul/jazz-orientierte und kongeniale Neuinterpretation von Clubklassikern verschiedenster Genres ziemlich angesagt. Und nun sind auch die Superhits des Wu-Tang Clans als Organic Grooves zu hören, 16 Jahre nach dem Debütalbum “Enter the Wu-Tang (36 Chambers)”. Das Werk ist sogar Wuproofed, denn die Band “El Michels Affair” mit Musikern aus dem Umfeld von Daptone Records, Budos Band und Menahan Street Band ist eine Zeitlang mit Raekwon und anderen Clan-Mitgliedern getourt. Das Projekt des Saxophonisten und Organisten Leon Michels schafft es tatsächlich, den Hip Hop-Klassikern neues, vorwiegend instrumentales Leben einzuhauchen.

El Michels Affair – Enter The 37th Chamber

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05 | 11 | 2009

Chamber Metal

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Hellsongs - Hymns In The Key Of 666Ein Metalfan aus dem großen Bekanntenkreis jener Tage, in denen ich regelmäßig in der leicht angeschimmelten, aber saucoolen Discothek  “Getaway” in Solingen-Glüder war, stürmte bei den Hits der frühen HM-Bands auf die Tanzfläche, nahm theatralisch mit dem Kopf Schwung und legte mit seiner aus roter Naturkrause im XXL-Format bestehenden Matte einen von ansonsten völliger Bewegungslosigkeit des Restkörpers gekennzeichneten, privaten Schamanentanz hin. weiterlesen

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02 | 11 | 2009

Nilsi Loves Music (2)

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Great Lake Swimmers - Lost Channels Schön, dass es neben den Fleet Foxes noch eine Folkband gibt, die ein spirituelles, ja geradezu ekklesiales (weil leicht mit Hall unterlegtes) Klangbild pflegt. Die kanadischen Great Lake Swimmers klingen allerdings nicht ganz so federleicht und engelhaft wie ihre Geistesverwandten aus Seattle, sie rocken stellenweise sogar. Die Band hat mit ihrem vierten Album tatsächlich ein Meisterwerk abgeliefert. Mein persönlicher Qualitätswart für Folk  (Nils Henning, 1) würde ihnen vermutlich ebenfalls lobende Worte widmen, kann aber noch nicht sprechen. Immerhin: Er liebt diese Platte ebenso wie die Fleet Foxes und erkennt die meisten Stücke bereits nach einigen Takten wieder.

Great Lake Swimmers – Lost Channels

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27 | 10 | 2009

Helden von früher: Pat Metheny

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Pat Metheny - Offramp

Köln an einem klaren, trockenen Winterabend Ende 1982. Wir sind zu viert: Jule, Belana, Adrian und ich. Wir wollen erst ins Kino und dann auf die Ringe. Der Citroën kommt nur langsam vorwärts und zockelt gemächlich über die Zoobrücke. Es ist halb acht Uhr abends an einem Samstag, es ist dichter Verkehr. Andere Wagen mit anderen Leuten aus anderen Kleinstädten und Dörfern begleiten uns. Wie von Schienen geführt rollen wir in die große Stadt. Köln glitzert; mehr als sonst, denn viele Straßen und Gebäude sind weihnachtlich erleuchtet. Der Wagen hinter uns strahlt grell in unseren hinein. Er hat es eilig. Bald werden wir ankommen. weiterlesen

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