Jazz, Postjazz & mehr

24 | 08 | 2010

Helden von früher: John Coltrane

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Anfang der 1960er Jahre beginnt John Coltrane (1926 – 1967) eine Reise, die ihn weit über die Grenzen des bisher gespielten Jazz hinaus führen wird. Im März erscheint das erfolgreiche und hochgelobte Album “My Favorite Things”. Es hat einen frappierend anderen Klang als die älteren Hardbop-Aufnahmen, vor allem wegen des selten gespielten Sopransaxophons als Soloinstrument. Das neu gegründete John Coltrane Quartet klingt melodischer und melancholischer als die vorherigen Ensembles, die Improvisationen werden freier und ausdauernder. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist das im Herbst 1963 aufgenommene Album “Coltrane live at Birdland”. Es dokumentiert den Zwischenstand einer fortdauernden Suchbewegung, die nur durch den Tod von John Coltrane gestoppt wurde. Eines der schönsten Stücke auf diesem Album ist direkt das erste; eine zehnminütige Version von “Afro-Blue” mit McCoy Tyner am Piano, Jimmy Garrison am Bass und Elvin Jones am Schlagzeug.

Coltrane hat die hymnische und traurige Ballade “Afro-Blue” ebenso wie den hingebungsvoll innigen Walzer “My Favorite Things” immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert. Von Auftritt zu Auftritt nehmen die frei improvisierten Passagen im Spiel des Quartetts und seiner Nachfolgebands mehr Platz ein. Auf YouTube finden sich Aufnahmen von “Afro-Blue” wie die 35-minütige Seattle-Session von 1965 oder die 40 Minuten dauernde Performance in Tokio 1966. Bei diesen Konzerten sind die musikalischen Motive nur noch der Anlass für Jazz. Sie sind Landmarken in einem großen und zu dieser Zeit noch kaum erforschten akustischen Raum. Hin und wieder kehren die Musiker zurück und wandern tastend um die Sounds des Themas herum. Dann entdecken sie eine neue Route in einen fernen Bezirk und machen sich auf die Reise dorthin.

***

Ende der 1970er Jahre war ich auf der Suche nach neuer Musik. Das banale Popgedudel aus dem Radio reichte mir nicht. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Möglichkeiten, an Informationen über gute Musik zu kommen: Man fragte einen Freund oder einen Plattenhändler. Die zweite Methode bedeutete damals einen kleinen Ausflug mit dem Schienenbus vom Bahnhof “Tente (Rheinland)” nach Opladen.

Die ehemalige Kreisstadt in der Nähe von Köln litt noch unter ihrem Bedeutungsverlust durch die Eingemeindung nach Leverkusen, bei der im Zuge der Kommunalreform von 1975 auch der Kreis aufgelöst wurde. Doch es gab dort immerhin noch einen beeindruckend gut sortierten Plattenladen, der von einem beeindruckend langhaarigen Althippie geführt wurde.

Der winzige Laden war in einem kleinem Pavillion mit einer Glasfront untergebracht. Ich konnte kaum die Türe öffnen, ohne gegen die niedrigen Tische mit den Plastikkästen zu stoßen, in denen hier die Platten angeboten wurden. Bereits nach zwei Schritten stand ich genau vor ihm und er nickte mir wie jedem seiner Kunden freundlich lächelnd zu.

Er hatte meinen suchenden Blick schon bemerkt und sprach mich an. Ich erzählte ihm, dass ich eine wirklich gute Jazzplatte kaufen wolle. Der Langhaarige schaute mich einen Moment nachdenklich an und zog dann entschlossen eine Platte aus dem Plastikkasten, in dem eine Pappe steckte, auf der er mit Wachsmalstift JAZZ geschrieben hatte. Es war “Coltrane live at Birdland”.

“Du solltest sie dir vielleicht vorher anhören”, sagte er ein wenig nuschelig und zog an seiner Kippe. “Ich möchte dir nichts verkaufen, was dir später nicht gefällt. Hier.” Mit diesen Worten reichte er mir einen Kopfhörer herüber. Dann nahm er die Platte vorsichtig aus ihrer Hülle und legte sie hinter der Theke auf einen Plattenspieler. Er startete das Gerät, entfernte mit einer Karbonbürste imaginären Staub und setzte die Nadel sehr vorsichtig mit dem Lift in die Einlaufrille.

Inzwischen hatte ich den Kopfhörer aufgesetzt. Es war ein schweres, geschlossenes Modell, das sicherlich beinahe so viel gekostet hatte wie mein Dual-Plattenspieler. Wie ich wenige Sekunden später feststellen konnte, war der Klang absolut großartig – besser als alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt bei Freunden oder älteren Brüdern von Freunden gehört hatte.

Der Althippie wird wissend genickt und gelächelt haben, und dann wird er sich eine neue Zigarette gedreht haben. Ich habe keine Ahnung, denn ich konnte auf nichts anderes hören als die Musik. Ich war vollkommen erstarrt und habe sicher vollkommen gebannt auf den Plattenspieler gestarrt. Habe ich das Stück überhaupt zu Ende gehört? Habe ich es überhaupt ausgehalten, das Stück bis zum Ende zu hören?

Ich kann mich noch daran erinnern, das ich irgendwann den Kopfhörer heruntergezogen habe und mich erst mal bei einer geschnorrten Selbstgedrehten von diesem überwältigenden Eindruck erholen musste. “Afro-Blue” hat mich sofort für John Coltrane eingenommen und begeistert. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, es war dieser langhaarige Althippie, der mir gesagt hat, es gäbe einen sehr bezeichnenden Satz über John Coltrane: Seine Musik sei besser als Selbstmord.

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Weniger als ein Jahrzehnt nach dem Tod von John Coltrane endet eine äußerst dynamische Phase in der Geschichte des Jazz. Sie reicht von der Mitte der 1940er bis zur Mitte der 1970er Jahre. Mit atemloser Hypergeschwindigkeit hat sich der Jazz in dieser Zeit immer wieder gewandelt und neu erfunden. Doch nach dieser unglaublich energetischen Phase hat sich die Innovationskraft des Jazz verflüchtigt, seine musikalische Kraft ist zersplittert. Andere Musikrichtungen haben die Fetzen und Körnchen aufgefangen – einige mehr, andere weniger.

Eigentlich geschah diese Entwicklung mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es handelt sich um die Aporie der Avantgarde: Auch eine grundstürzende Neuerung wird irgendwann einmal zu einem alten Hut. In improvisierter Musik kann man neue, unvergleichliche, unerhörte Klänge nur einmal zu Gehör bringen. Anschließend befinden sie sich sofort in den unendlich großen Registern frei verfügbarer Sounds.

Jazz war einmal revolutionär, avantgardistisch und experimentell. Doch heute ist er oft nur noch eine jederzeit abrufbare musikalische und ideologische Pose.  Nach Jazz klingender Muzak ist Bestandteil der meisten Popgenres – aufpolierte Hintergrundmusik für die Simulation leutselig-bourgeoiser Lebensart. Damit hat sich ironischerweise ein Kreis geschlossen, denn Modern Jazz begann als Gegenreaktion zum gefälligen Kommerzjazz der Swingära.

Gute Musik, die in ihrem Gestus, ihrer Orientierung an musikalischen Traditionen und ihrer Erneuerungskraft durch Arbeit an und mit diesen Traditionen an Jazz erinnert, findet sich heute nicht mehr in einem Plastikkasten mit der Aufschrift JAZZ. Sie ist jetzt überall, aber nach wie vor nicht leicht zu finden.

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John Coltrane, seine Spielweise und seine überbordende Kreativität in der Improvisation haben bis heute keinen Nachfolger gefunden, nur Epigonen und Apostel. Der Grund ist leicht zu erkennen: Es geht nicht mehr. Das Universum braucht nur einen einzigen John Coltrane, um all die Musik zu erschaffen, die er gespielt hat. Mehr ist nicht nötig und mehr ist nicht möglich.

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