Jazz, Postjazz & mehr

27 | 10 | 2009

Helden von früher: Pat Metheny

Geschrieben von

Pat Metheny - Offramp

Köln an einem klaren, trockenen Winterabend Ende 1982. Wir sind zu viert: Jule, Belana, Adrian und ich. Wir wollen erst ins Kino und dann auf die Ringe. Der Citroën kommt nur langsam vorwärts und zockelt gemächlich über die Zoobrücke. Es ist halb acht Uhr abends an einem Samstag, es ist dichter Verkehr. Andere Wagen mit anderen Leuten aus anderen Kleinstädten und Dörfern begleiten uns. Wie von Schienen geführt rollen wir in die große Stadt. Köln glitzert; mehr als sonst, denn viele Straßen und Gebäude sind weihnachtlich erleuchtet. Der Wagen hinter uns strahlt grell in unseren hinein. Er hat es eilig. Bald werden wir ankommen.

Jule startet den Kassettenrekorder erneut und unterlegt das ruhige Gleiten des CX ihres Vaters mit Musik. Aus den Lautsprechern dringt eine entspannt swingende Rumba, mit einer fremdartig gestimmten Gitarre als Rhythmusinstrument. “Are you going with me?” von Pat Metheny, vom Album “Offramp”. Ruhige Klänge für diesen Moment der Erwartung. Die Silhouette von Köln wird zu einem Bild, das gemächlich an mir vorbeizieht. Ich schließe die Augen. Langsam schweben wir unserem Ziel entgegen.

Eines Tages, ein paar Jahre zuvor, besuchte mich Adrian und brachte ein paar Platten mit. “Hör dir das an.” Es war eine Art Ambientmusic, die an Brian Eno erinnerte und entspannt groovte. “As falls Wichita so falls Wichita Falls”, auf der erste Plattenseite des gleichnamigen Albums des Duos Pat Metheny & Lyle Mays. Ich war sofort von der Musik begeistert; wie immer, wenn Adrian mir etwas empfahl.

Ich hatte Adrian im Wuppertaler “Treibhaus” kennengelernt, als wir den Geburtstag einer Bekannten feierten und er neugierig näher trat. Wir redeten bis in den frühen Morgen hinein und wurden Freunde. Er war Anfang Zwanzig, aber begegnete mir Sechszehnjährigen wie seinesgleichen. Er hatte einen hippiesken Lebensstil angenommen, gehörte also, wie wir dies damals ausdrückten, zu den Freaks, die im Gegensatz zu den spießigen Poppern standen.

Durch Adrian lernte ich das mir vorher unbekannte bildungsbürgerliche Milieu und dessen freundlich-distanzierte Liberalität kennen. Konflikte mit den Eltern gab es wenig. Adrians schon weißhaariger Vater, ein agiler Endsechziger, akzeptierte das Leben seines jüngsten Sohnes — oft stirnrunzelnd, manchmal kopfschüttelnd — als vollständig gleichwertig. Zum Beispiel lud er Adrians Freunde zu seinem 70. Geburtstag ein, eine riesige Veranstaltung im Garten des ersten Hotels meiner Heimatstadt.

Auch umgekehrt galt dies. Oft sahen wir das Ehepaar, er in einem leicht abgestoßenen hellgrauen Einreiher mit Weste und Uhrkette, sie in einem schwarzen Chanel-Kostüm, auf einer von Adrians Riesenparties mit fünfzig und mehr Gästen, eifrig redend und gestikulierend umher gehen, zwischen hennagefärbten Schönheiten in kurzen Blümchenkleidern und wirrhaarigen Männern in bunten Westen und Hosen, und sich nach einiger Zeit freundlich winkend, volle Weingläser balancierend, in den hinteren Trakt des Hauses zurückziehen.

Langsam senkt sich der Wagen. Wir steigen aus, schauen uns um. Ich stelle mich neben Belana. Sie ist fast so groß wie ich, wir überragen die anderen um einen halben Kopf. Sie lächelt, streckt mir dann die Zunge heraus; nur die Spitze, etwas in den linken Mundwinkel hinein verschoben. Ich lasse ein kurzes, freundliches Brummeln hören, hake mich unter und gehe mit ihr in weit ausholenden Schritten voraus.

Später in der Nacht sitzen wir fröstelnd im Citroën. Adrian hat die Augen geschlossen und verschränkt die Arme hinter dem weit zurückgelehnten Kopf. Ich spüre Belana an meiner Seite. Es ist still. Jule startet den Motor und schaltet den Rekorder ein. Sie spult zurück. Wir horchen auf das Sirren der Kassette. Wieder dieser Klang des Anfangs. Sie dreht die Lautstärke auf. Dann fliegen wir heim.

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Kommentare: 1

  1. 1

    dosron 02.08.2010 um 23:13 Uhr

    “Are you going with me?” ist wirklich ein geniales Stück!

    (Was man über ihre Seite auch sagen kann)

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