Jazz, Postjazz & mehr

18 | 05 | 2008

James Last in Los Angeles

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Natürlich gab es einen Partyraum im Keller. Die Treppe hinunter, dann geradeaus, durch die schmale Türe hindurch. Eine kleine Katakombe; Wände und Decke mit heller Tanne vertäfelt und hinter dem Holz Schallschutzmatten, um die Nachbarn nicht zu stören. Hier wurde alle paar Wochen gefeiert, immer in kleinem Kreis, denn mit acht Personen war der Raum schon überfüllt. Da praktisch alle Leute damals rauchten, als ob sie dafür bezahlt würden, war der Duft von frischem Harz schon nach der fünften oder sechsten Feier weg. Jetzt roch es die ganze Zeit wie nach der Party — als sei der letzte Bläsersatz gerade verklungen und der Plattenspieler drehe langsam aus.

Der Sound der 70er ist für mich der Sound von Non Stop Dancing. Keine Partyraumkellerparty meiner Eltern ohne eine Platte mit dem entspannten, tänzerischen Klangteppich von James Last; aktuelle Hits aus dem Radio im Bigband-Stil als Endlosmix eingespielt und mit typischen Partygeräuschen wie Gesprächfetzen, Lachen und Gläserklirren unterlegt. Als Last Mitte der 60er Jahre bemerkte, das viele Parties bei seinen Freunden nur schwer in Gang kamen, hatte er die Idee zu seinem “Happysound” — der akustischen Simulation einer gut laufenden Party, die der echten Feier und ihren Gästen auf die Sprünge hilft.

Mitte der 70er Jahre feierte James Last seine größten Erfolge. Jeden Monat erschien von ihm eine neue Platte; einmal quer durch die Genres mit neu arrangierten Einspielungen von Volksmusik, Klassik, Schlager, Weihnachtsliedern, geistlicher Musik und und und. Jede Neuerscheinung hatte eine Auflage von mindestens 250. 000 Stück, zeitweise ging ein Drittel des Gesamtumsatzes der Polydor auf das Konto von James Last.

Er war 1975 der Partykönig in ganz Europa und der halben Welt. Nur ausgerechnet in den USA, dem größten Einzelmarkt für Musik in dieser Zeit, verkaufte sich der Happysound nicht. In den Staaten waren Disco und Funk das große Ding. Da traf es sich gut, dass James Last ohnehin zu neuen Ufern aufbrechen wollte. Um den amerikanischen Markt zu erobern, flog Last nach Los Angeles und interpretierte für einen erstklassigen Produzenten in einem erstklassigen US-Studio mit erstklassigen Jazzmusikern Welthits von Paul Anka, George Gershwin, Maurice Ravel und Cole Porter.

So entstand ein grandioses Funk-Album, das wie der Soundtrack für ein Blaxploitation-Movie klingt. Ein knalliger E-Bass, messerscharf intonierte Improvisationen aus der Brass Section, funkelnder Gitarrensound — Funky James is in the House. Genialer Höhepunkt dieses Albums ist der eigentlich völlig abgenudelte und unhörbar gewordene Bolero von Ravel. Im inspirierten Arrangement von James Last klingt er wie futuristischer, nervös groovender Crimejazz.

Leider floppte das ursprünglich “Well Kept Secret” betitelte Werk in den USA ebenso wie in Europa; den einen war es zu jazzig, den anderen zu wenig partytauglich. Nachdem es in den letzten Jahren zu einem Geheimtipp für DJs aus der Rare-Groove-Szene geworden ist, hat sich Polydor-Nachfolger Universal dieser teils zu Mondpreisen gehandelten Seltenheit angenommen und eine Wiederveröffentlichung unter dem Titel “James Last in Los Angeles” herausgebracht — auf CD und zu einem zivilen Preis auch auf Vinyl.

James Last in Los Angeles

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Kommentare: 1

  1. 1

    Lost & Sound 10.07.2008 um 10:03 Uhr

    Auch ich muss bei James Last und siebziger Jahre an Partyräume denken. James Last hatte übrigens tatsächlich einen eigenen Partyraum. Bei seinem passten jedoch mehr als acht Leute rein…

    Da das Pingen zur Zeit nicht möglich ist, füge ich den passenden Link in Handarbeit ein:
    http://lostandsound.wordpress.com/2008/07/04/der-james-last-schriftzug-verfuehrt-zur-biografie/

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