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24 | 07 | 2009

Hypnotic Underground

Geschrieben von um 21:51 Uhr

Hypnotic Brass Ensemble Es hat ein wenig gedauert mit dem offiziellen Debut des Hypnotic Brass Ensemble. Nach einigen selbst vertriebenen EPs musste sich erst Damon Albarn in den Livesound des Oktets verlieben, damit bei Honest Jon ein professionell produziertes Album als CD, MP3 und Vinylplatte erscheinen konnte. In der Brassband spielen neben dem Schlagzeuger sieben Brüder, nämlich die Söhne des Trompeters und zeitweiligen Members of the Sun Ra Arkestra, Phil Cohran. Er gehörte Mitte der 1960er Jahre zur den Gründern der “Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM)”, einer Vereinigung von Freejazz-Musikern, die sich unter anderem der Nachwuchsförderung verschrieben hat. Die jungen Musiker kommen jedoch aus einer anderen Tradition — aber es ist vielleicht besser, sie zu hören. Wenn sie nicht gerade auf einer Welttournee durch Europa sind, stehen sie regelmäßig auf irgendeinem Platz oder U-Bahnhof in New York oder Chicago und geben ein Free Concert.

Hypnotic Brass Ensemble

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18 | 07 | 2009

Graue Masse

Geschrieben von um 21:07 Uhr

Wie klingt es, wenn ein Streicherensemble das Feuern der Neuronen in unserem Neocortex spielt? Wie kammermusikalische Capriccios größter Intensität, wie “Cortical Songs”. Die viersätzige Komposition von John Matthias und Nick Ryan basiert auf einer Theorie über die Arbeitsweise unseres Gehirns. Ein entsprechend programmiertes neuronales Netz erzeugt die Spielanweisungen für die Musiker — unter Livebedingungen, so dass jede Einspielung des Stücks anders ist. Das Album ist bei Nonclassical Records erschienen, zu dessen Label-Philosophie es gehört, die Werke junger Komponisten von Elektronika-Produzenten remixen zu lassen. Doch Nonclassical ist nicht nur ein Label, es ist auch eine recht erfolgreiche Club Night in London. Hier wird die europäische Konzertmusik aus dem bürgerlichen Kontext des schweigend zuhörenden Publikums gelöst. Es darf gegessen, getrunken, geredet, gelacht und vor allem getanzt werden. Es darf aber auch zugehört werden — vor allem bei den Cortical Songs, die immer neu durch die graue Substanz unseres Großhirns rauschen.

John Matthias & Nick Ryan – Cortical Songs

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18 | 07 | 2009

Das kammermusikalische Paradigma

Geschrieben von um 18:21 Uhr

Gabriel Prokofiev, String Quartet No. 1 Zu den Klängen, die mich aufstören und begeistern, gehören auch Streichquartette: “Der Tod und das Mädchen” von Franz Schubert, “Company” von Philip Glass und “String Quartet No. II” von Michael Nyman. Und seit einiger Zeit die Streichquartette von Gabriel Prokofiev. Der Komponist (Enkel von Sergeij) arbeitet an dem Versuch, europäische Konzertmusik des 20. Jahrhunderts und aktuelle Elektronika-Genres zusammenzuführen. Dafür hat er das  Label Nonclassical gegründet und veröffentlicht unter Pseudonym Dance- und Electronica-Tracks. In der Szene junger Komponisten von Neuer Musik ist er bekannt geworden mit Stücken wie “Concerto for Turntable & Chamber Orchestra”, “3 Dances for Quintet & DJ” und diesen beiden Streichquartetten.

Gabriel Prokofiev, String Quartet No. 2

Zum Konzept der Streichquartette gehört es, das vom Elysian Quartet eingespielte Material anderen Musikern zum Remixen zu geben und die — ausnahmslos überdurchschnittlichen — Ergebnisse gleichberechtigt auf dem Tonträger zu veröffentlichen. Gabriel Prokofiev steuert auf jedem der beiden Alben einen eigenen Remix bei — einmal Hiphop-, einmal Non-House-Remix genannt. Diese Tracks spielen mit Rhythmik und Minimalismus, so dass der Klangschnipsel eines Streicherpizzicatos nach etwas Soundediting zum Mainbeat eines Dancetracks wird. Konzeptionell und musikalisch befinden sich diese beiden Alben weit jenseits des Üblichen, und sie zeigen Prokofievs Meisterschaft bei der Komposition und Rekomposition für das Streichquartett, den paradigmatischen Klangkörper der Kammermusik. Kaufbefehl!

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10 | 07 | 2009

Nordic Jazz Thing

Geschrieben von um 21:25 Uhr

Geir Lysne Listening Ensemble - The Grieg CodeKlassik goes Jazz? Da gehe ich normalerweise lieber aus dem Weg. In diesem Fall ist es jedoch anders, denn bei dem sehr umtriebigen Label ACT ist eine kongeniale Produktion erschienen, die alle Klischees vermeidet. Keine zwitschernde Morgenstimmung also. Im Gegenteil, es ist echter Nordic Jazz mit unterkühlten, horizontlosen Klanglandschaften und einem satten Groove.  Der norwegische Saxophonist, Komponist und Bigband Leader Geir Lysne bearbeitete für eine Auftragsarbeit die Musik des norwegischen Romantikers Edvard Grieg. Er legte die Kompositionen unter das Jazzmikroskop und präparierte vorsichtig einige Elemente heraus. Durch Verfremdung, Transponierung, Time-Stretching, kantige Phrasierung und vor allem das voluminöse, in allen Klangfarben schillernde Spiel seines 13köpfigen “Listening Ensembles” entstand ein Bigband-Werk mit einem völlig eigenen Charakter. Zusammen mit dem “Andromeda Mega Express Orchestra” und  “Darcy James Argue’s Secret Society” die Brassound-Entdeckung des Jahres für mich.

Geir Lysne Listening Ensemble — The Grieg Code

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06 | 07 | 2009

Kurze Geschichte des Noo Jazz

Geschrieben von um 21:47 Uhr

The Ornette Coleman Quartet - This is Our Music The Universal Congress Of - This is Mecolodics Mostly Other People Do The Killing This is Our Moosic

1. Künstlerische Freiheit, kreative Aneignung der Tradition, ein ironisches Verhältnis zur eigenen Bedeutung und etwas Freude an der Provokation — also Jazz? Die drei Alben entstammen musikalisch sehr verschiedenen Zeiten, die trotzdem etwas gemeinsam haben: einen trägen Mainstream, den man aufwirbeln muss. weiterlesen

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01 | 07 | 2009

Kleine Soziologie des Ensemblespiels

Geschrieben von um 20:05 Uhr

The Andromeda Mega Express Orchestra - Take OffDas nenne ich Eklektizismus reinster Sorte: Musik wie aus einem Tex Avery Comicfilm, die Theatralik des Sun Ra Arkestra, das orchestrale Geflirre Bela Bartoks oder Anton Weberns und das Ensemblespiel der Swingtime mit ganz viel musikalischer Kraft zu einem Cocktail mischen und das alles dem geneigten Hörer mit einem multinationalen, 20köpfigen Orchester aus Jazzern und Klassikern überreichen. Fantastisch. Umwerfend. Charmant. Das “Andromeda Mega Express Orchestra” des Komponisten Daniel Glatzel ist der Versuch, einfach mal was Neues und Eigenes zu machen. Er sucht seine Vorbilder nicht dort, wo sie im Postjazz gemeinhin herkommen und so ist “Take Off” ist eine irrwitzig energiereiche Platte, die mir die Kopfhörer an den Ohren festgebrannt hat — das passiert nicht alle Tage, so dass ich es hiermit öffentlich dokumentiere.

The Andromeda Mega Express Orchestra — Take Off

Und live sieht das Ganze so aus:

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