Archiv » Mai, 2008 «

25 | 05 | 2008

Jenseits des Tanzbodens

Geschrieben von um 0:39 Uhr

Jazz bedeutet für mich in erster Linie Offenheit — für neue Entwicklungen, für einen Blick über den Gartenzaun, für Improvisation und Experiment, für neue Klänge und ungewöhnliche Musik. Interessant finde ich vor allem Musiker, die sich nicht um Purismus scheren und für Überraschungen gut sind. Ashley Wales und John Coxon gehören auf jeden Fall dazu. Die beiden treten seit Anfang der 1990er Jahre als Spring Heel Jack auf, unterstützt von wechselnden Begleitmusikern. Kennengelernt habe ich sie 1996 als innovative Drum&Bass-Producer. Einer meiner Lieblingstracks aus diesem Genre ist ihr Uptempo-Kunstwerk “Islands Version“. Aber die D&B-Euphorie ist schon lange vorbei und auch Spring Heel Jack haben sich musikalisch weiterentwickelt. Das neue Album heißt “Songs & Themes” und es ist penibel am allgemeinen Loungejazz-Wahn vorbei produzierter kammermusikalischer Jazz — ein bißchen melancholisch, zwischendurch auch krachig und ausgesprochen free-minded; am besten über Kopfhörer zu genießen.

Spring Heel Jack – Songs & Themes

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21 | 05 | 2008

Die Kunst des Trios

Geschrieben von um 0:01 Uhr

Das Trio aus Piano, Bass und Schlagzeug ist die typische Jazzinstrumentierung. Ein solches Trio sieht aus wie Jazz, klingt nach Jazz, wird von allen für Jazz gehalten und ist im Grunde die langweiligste Form von Jazz, die ich mir vorstellen kann. Ein Trio ist typischer, nach typischem Jazz klingender Barjazz für Leute, die in einem weiß gekachtelten, veganen Stehrestaurant vor dem Sex mit ihrer Salatblätter mampfenden blonden Modelfreundin gerne noch ein wenig unaufdringlichen, aber typischen Jazz hören möchten. Oder so. weiterlesen

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18 | 05 | 2008

James Last in Los Angeles

Geschrieben von um 18:16 Uhr

Natürlich gab es einen Partyraum im Keller. Die Treppe hinunter, dann geradeaus, durch die schmale Türe hindurch. Eine kleine Katakombe; Wände und Decke mit heller Tanne vertäfelt und hinter dem Holz Schallschutzmatten, um die Nachbarn nicht zu stören. Hier wurde alle paar Wochen gefeiert, immer in kleinem Kreis, denn mit acht Personen war der Raum schon überfüllt. Da praktisch alle Leute damals rauchten, als ob sie dafür bezahlt würden, war der Duft von frischem Harz schon nach der fünften oder sechsten Feier weg. Jetzt roch es die ganze Zeit wie nach der Party — als sei der letzte Bläsersatz gerade verklungen und der Plattenspieler drehe langsam aus. weiterlesen

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16 | 05 | 2008

Wege in den Jazz

Geschrieben von um 18:06 Uhr

Viele Wege führen in den Jazz. Einige heißen immer-Jazz-spielen, jetzt-Jazz-spielen, einfach-Jazz-spielen, Jazz-fühlen, Jazz-denken, Jazz-zum-Nachdenken. Und die vielen anderen, die ich vergessen habe. weiterlesen

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16 | 05 | 2008

Schmerzjazz

Geschrieben von um 17:47 Uhr

The Budos Band ist klingt originaler als das Original. Die Kapelle spielt 70er Jahre Crimejazz aus B-Filmen, einmal Blaxploitation und zurück. Diese Band hat sich ganz dem Dreieck aus Funk und Jazz und Soul verschrieben. Das neue, zweite Album verarbeitet zudem Einflüsse aus Afrofunk und Ethiojazz. Wie auch beim Erstling nutzen die Instrumentalisten den warmen, voluminösen Sound der vollanalogen Daptone-Studios in Brooklyn, New York. Sie spielen ihre Stücke wie zu den Zeiten, als noch Blut floß auf Konzerten, als noch Seelen abgefackelt wurden, als die Leute noch schrien bei einem besonders fantastischen Riff. Es geht hier um Wüstenjazz; um heißen, glühenden, lodernden, tosenden Schmerzjazz.

The Budos Band – II

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16 | 05 | 2008

Vom Kopf auf die Füße

Geschrieben von um 17:36 Uhr

Die Elektrifizierung von Jazz ist ein aktueller Trend; meist kommt dabei eine ziemlich soft klingende Abart von Lounge Music mit viel Bossa Nova heraus. Root 70 gehen in ihrem Album “Heaps Dub” einen umgekehrten Weg, sie spielen elektronische Stücke von Burnt Friedman (a/k/a Bernd Friedmann) akustisch. Und Burnt Friedman entführt die Bänder, jagt sie noch einmal durch seine Filter. Das Ergebnis ist unglaublich funky und klingt wie organischer, schweißdampfender Jazz mit Bläsersätzen wie Rasierklingen. Doch diese Musik besteht aus Wiederholungsstrukturen, wie sie in der elektronischen Musik üblich sind. Kann es eine bessere akustische Verdeutlichung des Begriffs ‘kongenial’ geben?

Root 70 – Heaps Dub

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16 | 05 | 2008

Wohnzimmerjazz

Geschrieben von um 17:29 Uhr

The Life Force Trio knistert, knirscht, klickert und krackelt. Ein hektisch pulsierender Bass, nervös klirrende Percussion. Langsam schält sich ein elektronischer Beat aus dem Frickeljazz heraus. Das Stück geht über in ein wenig bewegtes, beinahe technoides Largo mit der langsam intensiver werdenden Improvisation eines Streichquartetts. Auch hier wieder die Assoziation, Musik von einem klassischen Jazzlabel zu hören — diesmal ist es ECM. Ich drehe meinen Funkkopfhörer lauter, lehne mich zurück und betrachte die Musik vor meinem Auge. Ich erkenne ein Klavier, ein Rhodes. Ich bin auf eine stille Weise glücklich.

The Life Force Trio – Living Room

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16 | 05 | 2008

Melancholie & Verweigerung

Geschrieben von um 17:25 Uhr

The Cinematic Orchestra arrangiert in bisher vier Alben (Motion, Every Day, Man With the Movie Camera, Ma Fleur) eine lange Reise über den Ozean des Klangs. Das erste Album ist noch ganz einem idealisierten Jazz verpflichtet, so dass es wie ein Impulse-Album klingt, sofern es heute noch Impulse-Alben gäbe. Das zweite Album geht weiter, viel weiter: Es ist Fusion, es ist elektrisch beseelter Blues, es ist ein leicht melancholischer Groove, gemischt mit dem Knistern einer alten Vinylplatte und dem Widerschein von Hip Hop. Das dritte Album markiert einen Übergang, denn die Geschichte vom Kameramann ist ein Moviesoundtrack, eher ein funktionaler Hintergrund als ein Konzert, Music for Showrooms gewissermaßen. Das letzte Album Ma Fleur wirkt durch seine störrische Verweigerung von Sperrigkeit wie ein radikales Gesamtkunstwerk aus sanft swingender Ambient Music; Jazz kurz vor der Selbstauflösung, vor dem Verschwinden am Ereignishorizont.

The Cinematic Orchestra – Ma Fleur

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16 | 05 | 2008

Auch ein Grenzgänger

Geschrieben von um 0:23 Uhr

Im akustischen Jazz ist es sehr schwer, eine eigene Stimme zu entwickeln. Was hingegen in der Elektronik passiert, ist kreativ und neu. So begann ich mich für diese Musik zu interessieren. Es ist sehr aufregend, ein Terrain ohne Regeln und Tradition zu betreten. (Laurent de Wilde)

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